Hazardous Hope. Eine Spurensuche auf dem Tempelhofer Feld
Ein Rückblick auf Seminar und Abschlussveranstaltung
Hazardous hope – so nennen Ayushi Dhawan und Simone M. Müller (2024) eine Praxis, die inmitten der Realität permanent kontaminierter Umgebungen neue Formen des Zusammenlebens erprobt, statt auf Reinheit oder Erlösung zu hoffen.* Als methodische Reorganisation des Handelns und Forschens unter Bedingung multipler anthropogener Krisen und ihrer toxischen Hinterlassenschaften konfrontiert hazardous hope tradierte Vorstellungen von Heilung, Regeneration, Erinnern, Sorge und Verantwortung.
Ausgehend von dieser Konstellation entwickelte das Projektseminar »Hazardous Hope. Streifzüge durch das kontaminierte Berlin« im MA Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin Zugänge zu Hoffnung als materielle, verkörperte und ortsspezifische Praxis. Unter der Seminarleitung von Clustermitglied Dr. Léa Perraudin und unter Mitwirkung der Berliner Künstlerin Monika Dorniak folgten die studentischen Projekte den materiellen (Ge-)Schichten, gegenwärtigen Nutzungen und offenen Zukunftsfragen des Tempelhofer Feldes. Als exemplarischer Ort chemischer, atmosphärischer und infrastruktureller Belastung ist er historisch geprägt durch militärische und luftfahrttechnische Nutzung, die während des Nationalsozialismus mit Zwangsarbeit und als Standort eines Konzentrationslagers verbunden war. Heute fungiert das Tempelhofer Feld als Labor einer gelebten Vision urbanen Gemeinwesens, dessen Fortbestand durch Initiativen gegen Bebauungspläne der über 350 Hektar großen Freifläche aktiv verteidigt wird; auf dem Feld befindet sich zudem eine Containerunterkunft für geflüchtete Menschen.
In gemeinsamen Lektüren näherte sich das Seminar Toxizität als Relation zwischen Körpern, Materialien und Landschaften, die durch Machtverhältnisse der Emission und Akkumulation von Schadstoffen geprägt ist. Im Dialog mit diesen Perspektiven begaben sich die Studierenden auf Streifzüge über das Tempelhofer Feld, um dessen stofflichen Spuren, Erinnerungen und dem Erfahrungswissen des Ortes nachzuspüren. Über individuelle Begehungen, gemeinsame Exkursionen sowie den Austausch mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und Community-Initiativen wurden diese Zusammenhänge in situ erkundet. Ein Anknüpfungspunkt für diese Aktivitäten war die von Monika Dorniak kuratierte thematische Gruppenausstellung »ever-permeable boundaries« im Projektraum POV, welcher gleichzeitig als Aussichtsplattform für das Tempelhofer Feld fungiert. Verkörperte und spekulative Annäherungen wie walking methods, counter mapping, Wahrnehmungsübungen und Materialexperimente dienten dazu, eigene Forschungsmodi zu entwickeln und konkrete Austauschprozesse, affektive Ökologien und ihr Nachleben erfahrbar zu machen. Dabei entstanden sieben studentische Projekte, die am 16. Juli 2026 in einem gemeinsam entwickelten partizipativen Parcours auf dem Tempelhofer Feld und einem öffentlichen Abschlussprogramm bei Floating University Berlin performativ erprobt wurden.
* Dhawan, Ayushi, und Simone M. Müller. „Hazardous Hope: Repositioning Troubled Research (and Researchers) in Times of a Troubled Planet.“ Environmental Humanities16, Nr. 2 (2024): 433–440
Zum Auftakt des ortspezifischen Parcours lud das Projekt »Walking-With Tempelhofer Feld« von Carla Kowollik, Emilie Vorhauser, Janine Neßlböck und Pavo Kröger ein. Die Bewegungsintervention begrüßte die Teilnehmenden mit einem spekulativen Blick ins Jahr 2036: durch ein Zukunftsszenario, in dem das Tempelhofer Feld als UNESCO-Weltkulturerbe unter Schutz steht. Performative Impulse und die gemeinsame Bewegung zweier Gruppen über das Feld bis zu ihrem Zusammentreffen übersetzten Fragen kollektiver Handlungsfähigkeit angesichts der aktuellen Bebauungsdebatte in eine räumliche und verkörperte Erfahrung.
Die fotografische Wahrnehmungsübung »Ruderale Resilienz« von Lilly Sodenkamp und Hannah Ließegang sensibilisierte anschließend für Pflanzen, die sich auf versiegelten Flächen inmitten der menschlich geprägten und kontaminierten Landschaft des Tempelhofer Felds behaupten. Ihre über das Semester entstandene fotografische Auseinandersetzung mit Ruderalvegetation, Bodendurchbrüchen und mehr-als-menschlichen Lebensgemeinschaften wurde bei Floating University als Installation präsentiert und zugleich für die Perspektiven der Teilnehmenden geöffnet. Die während der Wahrnehmungsübung entstandenen Fotografien konnten am Abend vor Ort ausgedruckt werden, um die ausgestellte Arbeit zu erweitern.
Im Sinne des counter mapping aktivierten Agnès Cretté, Tanoa Ahrens und Margarete Thiel die Teilnehmenden zur Erkundung des Tempelhofer Feldes durch Sammeln, Beobachten und Kartieren. Fundstücke und alternative Karten machten dessen materielle, soziale und räumliche Überlagerungen sichtbar. In »Das Feld als Archiv: Spurensuche als Form der Kartierung« untersuchte Margarete Thiel materielle Hinterlassenschaften, die von unterschiedlichen Nutzungen und Begegnungen auf dem Tempelhofer Feld erzählen. Am Abschlusstag schrieb sich dieses Archiv partizipativ fort, indem die gesammelten Objekte in das bestehende Exponat integriert wurden. Auch Agnès Cretté und Tanoa Ahrens öffneten ihr Seminarprojekt »Counter-Mapping überlagerter Realitäten auf dem Tempelhofer Feld« partizipativ: Die während des Parcours entstandenen Mappings wurden mit ihren Recherchen zu historischen Karten, gegenwärtigen Nutzungen und Zukunftsperspektiven überlagert und ließen ein bewusst unabgeschlossenes, mitunter widerständiges kartografisches Gefüge entstehen.
Bei Floating University wurden die bereits im Parcours aktivierten Arbeiten in der Pop-up-Ausstellung zusammengeführt. Einen eigenständigen Zugang zu den materiellen (Ge-)Schichten des Tempelhofer Feldes eröffnete »Petrografien vom Feld« von Denyce Unachukwu und Julian Meinke. In fotografischen Experimenten mit Bitumen und Sonnenlicht untersuchte das Projekt, wie sich die weitgehend unsichtbare petrochemische Stoffgeschichte der luftfahrttechnischen Nutzung des Tempelhofer Feldes ästhetisch erschließen lässt. Das Verfahren zitierte zugleich die Ursprünge der Fotografie, deren Geschichte mit der Lichtempfindlichkeit von Bitumen beginnt. Indem das Material im bildgebenden Prozess selbst in den Vordergrund trat, wurde dessen eigenmächtiges und unvorhersehbares Agieren zum hoffnungsvollen Moment.
Mit dem Projekt »Chronologie des Sounds« untersuchten Antonia Pfingsten und Erik Derenz das Tempelhofer Feld über seine Klanglandschaften und verbanden dabei historische Klangrecherche mit verkörperter Wahrnehmung. Eine vorproduzierte Soundcollage und angeleitete Embodiment-Übung zeichneten seine wechselnden Nutzungen akustisch nach und aktivierten die Teilnehmenden dazu, die affektive und soziale Wirksamkeit von Klang nachzuvollziehen. Die gegenwärtige akustische Vielstimmigkeit des Feldes wurde schließlich zum Ausgangspunkt, um seine möglichen Zukünfte sowie das Verhältnis von akustischer Ordnung und Teilhabe auszuloten.
»Was is(s)t das Tempelhofer Feld?« von Aitana Galvez, Eleonore Foss und Friederike Seidel erschloss das Feld über seine Nahrungsmittel und Essgewohnheiten und machte damit unterschiedliche Beziehungen greif- und schmeckbar. Aus Interviews, individuellen Begehungen und historischen Recherchen entstand ein Kochbuch, das Rezepte mit Stimmen verschiedener Akteur*innen verband und zugleich die Herausforderungen des Sammelns und Schmeckens an einem kontaminierten Ort reflektierte. In der partizipativen Kochperformance und dem anschließenden gemeinsamen Essen wurden die Rezepte und Geschichten geteilt und damit Care und Commoning als gemeinschaftliche Praxis konkret erprobt.
Mit »Tempelhofer Feldnotizen« wurde die ortsspezifische Spurensuche schließlich in ein öffentliches Gespräch überführt. Léa Perraudin und Monika Dorniak sprachen mit der freischaffenden Kuratorin Tuçe Erel und mit Mareike Witt, Vorstandsmitglied der Initiative 100% Tempelhofer Feld, über die sedimentierten Erinnerungen des Ortes und die aktuellen Auseinandersetzungen um das Feld als frei zugängliche und unbebaute Fläche, für deren Erhalt sich eine Mehrheit der Berliner*innen im Volksentscheid von 2014 ausgesprochen hatte und die gegenwärtig erneut politisch umkämpft ist. Das Gespräch führte so jene Form des Wissensaustauschs fort, die das Seminar über das Semester hinweg geprägt hatte: kulturwissenschaftliche Forschung mit künstlerischen Praktiken, zivilgesellschaftlichem Erfahrungswissen und der urbanen Realität Berlins in Austausch zu bringen.
Das Abschlussprogramm bündelte damit einen über das Semester hinweg erprobten ortsspezifischen Forschungsprozess. Entstanden ist eine temporäre experimentelle Infrastruktur, in der hazardous hope als Praxis getestet und geteilt werden konnte.
Gefördert vom Kompetenzfeld Wissensaustausch mit der Gesellschaft am Zentrum für Kulturtechnik, HU Berlin im Rahmen des Programms »Lernen und Lehren mit der Gesellschaft: Transdisziplinäres Kursprogramm« sowie vom Exzellenzcluster »Matters of Activity. Image Space Material«, gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder – EXC 2025 – 390648296.